Paris, ville de l’amour? Non, non et non!

Ein Erfolg! Wir haben tatsächlich einen Teil des Simulacrums gefunden, doch eins nach dem anderen. Die Reise nach Paris gestaltete sich unproblematisch und ich muss sagen, der Orient-Express hält all den Legenden, die sich um ihn ranken in der Tat stand.Ich habe mich inzwischen sehr gut an Lord Hunters mechanische Beinprothese gewöhnt, die ein Meisterwerk der Ingenieurkunst ist. Dank ihr fühle ich mich wieder wie ein ganzer Mensch. Greta scheint sich auch inzwischen wieder einigermaßen erholt zu haben, was mich sehr freut, hatte ich mir doch Sorgen darüber gemacht, dass wir sie an den Irrsinn, den sie erlebt hat verlieren könnten. Sie redet immer noch nicht über das Erlebte und wird es wahrscheinlich auch nie tun, aber man sieht es ihr an, dass sie Schlimmes erlebt hat und ich spreche hier nicht von dem Narbengewebe auf ihrer Gesichthälfte.

Zu unserer aller Überraschung ist Franz nicht nur ein einfacher kurpfälzer Weinhändler, der mit exquisiten Produkten handelt, sondern besitzt darüber hinaus Verbindungen, die es ihm erlauben an Waffen aller Art zu gelangen. So erreichte uns in Paris eine Lieferung Weinkisten, mit deren Inhalt das Zechen wohl zu einem bleihaltigem Vergnügen würde. So nützlich Feuerwaffen aber auch sein mögen, ich verlasse mich doch lieber auf meinen Stock, dem die Munition nicht ausgehen kann. Vielleicht werde ich mich aber doch einmal an unserer beiden Waffenkenner wenden, um das Schießen zu erlernen. Man weiß nie, wozu man diese Fertigkeit noch einmal brauchen könnte.

Die Recherche in Paris ging dank der Hilfe eines Pariser Studenten zügig voran, so dass wir bereits nach kurzer Zeit den letzten Aufenthaltsort des Comte Fenalic in einem immer noch existenten Irrenhaus ausmachen konnten. Wer hätte es gedacht, aber just in dieser Anstalt kam es zu seltsamen Todesfällen und Vorkommnissen. Unter dem Vorwand uns für die Geschichte des Hauses zu interessieren gelang es uns Einlass zu erhalten, so dass wir an diesem Ort weitere Erkundigungen einholen konnten. Hier fanden wir eine Stätte schwarzer Magie in einer ehemals vermauerten Zelle, die wohl, wie wir folgerten die Zelle des Comte sein musste, hatten wir doch aus alten Tagebuchaufzeichnungen erfahren, dass er aufgrund seiner Greueltaten, die nicht näher spezifiziert waren, in dieser Anstalt inhaftiert wurde. Nur sein Adelstitel scheint ihn vor dem Schaffott bewahrt zu haben. Greta gewahrte mit ihrem künstlichen Auge, wiederum eine Gabe Lord Hunters, den Geist, der hier sein Unwesen trieb, doch leider konnten wir von dieser Kreatur keine Informationen erhalten. Dieses Irrenhaus war in der Tat sehr unheimlich, aber leider nicht in dem Umfang informativ, den ich mir erhofft hatte. Letztendlich konnten wir den Standort des Maison Fenalic identifizieren und beschlossen dort nach weiteren Hinweisen zu suchen.

In dem Landhaus in Poissy, das sich auf den Überresten des Maison erhebt, lernten wir einen Arzt mit seiner Tochter kennen, der sich als sehr hilfbereit herausstellte, als wir wiederum unsere Geschichtsbegeisterung als Vorwand verwendeten, um uns auf dem Gelände umsehen zu dürfen. Was mir erst jetzt auffällt ist die Ungewöhnlichkeit der Narben an beider Personen Arme, bei denen es sich um Dornenstiche gehandelt haben soll. Welche Rose, denn Rosen sollten es sein, verursachen solch schwere Wunden? Und warum waren die Rosen immer noch erblüht, sofern mich meine Erinnerung nicht trügt, wo doch Winter war. Erst jetzt wird mir unsere Blindheit angesichts dieser Unmöglichkeiten bewusst. Wir fanden aber in der Tat einen Eingang in die ehemaligen Kellergewölbe und hier inmitten einer unheimlich sprossenden Rose fanden wir das erste Stück des Simulacrums, das ich unter Zuhilfenahme meines Stockes aus dem Dornengewirr fischen konnte. Mit dieser rankenden Pflanze hatten wir wiederum eine Unmöglichkeit, die mich schaudern ließ. Doch endlich hatten wir auch den ersten Teil der Statue, auf deren Spuren wir reisen.

Der Arzt übergab uns noch einen Brief, durch den wir erfuhren, dass in Lausanne ein Mann namens Wellington lebt, der ein Pergament besitzt, das vom Simulacrum handelt und da der Express dort einen Halt hat beschlossen wir, dass wir diesen Wellington besuchen werden. Je mehr Informationen wir erhalten, desto besser. Meine anfängliche Furcht, dass wir verfolgt werden könnten, nachdem, was mit Julius Haus geschah, ist inzwischen etwas verblasst, hat sich doch noch kein Verfolger gezeigt. Dies sollte uns aber nicht achtlos werden lassen.

Beinahe hätte ich doch vergessen zu erwähnen, dass wir dank Lord Hunter eine in okkulten Dinge versierte Dame als Begleitung erhalten haben, die in der Tat sehr reizend ist. Ihr Name ist Cathaline und sie ist sowohl hübsch, als auch noch gewitzt und klug, ganz anders als diese Berliner Modepüppchen, die sich für die Krone der Weiblichkeit halten. Leider hat aber auch Louise beschlossen von Paris aus in ihre Heimat im Elsass zurückzukehren, da ihr trotz der Verbundenheit mit Julius diese ganze Sache doch zu unheimlich war. So haben wir eine Begleitung gewonnen und eine Begleitung verloren.

Nun sind wir wieder im Express und auf der Reise und als Kulturfreund war es mir eine Freude eine Diva kennenzulernen, die in der Mailänder Scala auftreten wird. Sie schien auch sehr angetan von uns, lud sie uns doch ein bei der Premiere von Aida teilzunehmen und auf ihre Kosten in Mailand zu logieren. Hoffentlich werden wir es rechtzeitig schaffen, dieses Ereignis möchte ich ungern verpassen.

Im Rückblick auf unseren Aufenthalt in Paris muss ich sagen, dass diese Stadt, die doch als die Stadt der Liebe gerühmt wird für mich nur ein Ort unheimlicher Vorkommnisse und Geheimnisse war. Neben unserer normalen Lebenswelt scheint mir eine zweite zu existieren, deren Existenz so offensichtlich ist, dass man sie gemeinhin übersieht und ich frage mich, ob es so auch nicht besser ist. Will man wirklich wissen, was in dieser parallelen Welt vor sich geht? Um Julius Bitte zu erfüllen werden wir wohl noch weiter in diese Welt eintauchen müssen, scheint doch das Simulacrum ein Teil davon zu sein.

In etwa einer Stunde wird der Express in Lausanne sein und ich bin zuversichtlich, dass wir von Wellington weiterführende Informationen über dieses geheimnisvolle Artefakt erhalten werden.

Published in: on 1. Oktober 2010 at 12:56  Kommentare (2)  
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2 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Vielen Dank für diese Einblicke in Ignatius´ Tagebuch! Eine Marginalie am Rande: Die Dame heißt Cathaline Bennett.

    • Nach einigem Überlegen habe ich den Namen korrigiert. danke für den Hinweis :)


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